Weggehen, Anpassen oder Widerstehen:
Bürgerliche Wissenschaftler in der Ulbricht-Ära

Reinhard Buthmann (BstU Berlin)

26. November 2008
17:30 Uhr
Hörsaal C

Mitte der sechziger Jahre begann das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) systematisch Themen und Einrichtungen der Wissenschaft, Forschung und Technologie "politisch-operativ" zu bearbeiten. Ein Jahrzehnt später verfügte es über ausdifferenzierte Strukturen und eine Vielzahl von Inoffiziellen Mitarbeitern in Schlüsselpositionen. Dadurch sah es sich in die Lage versetzt, die Sicherheitsdoktrin und die wissenschaftspolitischen Interessen der SED durchsetzen zu helfen. Das universitäre und wissenschaftliche Leben in der DDR war in hohem Maße von der marxistisch-leninistischen Ideologie indoktriniert: Ein sich im Besitz einer unanfechtbaren Heilslehre wähnendes Herrschaftssystem, das den Alltag und das Denken seiner Bürger nach Belieben ausleuchtete, zensierte und zu bestimmen trachtete. Intellektuelle Autonomie konnte mithin immer weniger gelebt werden. Es waren vor allem zwei Aspekte, worin das SED-Regime den bürgerlichen Wissenschaftlern nicht folgen wollte: deren prinzipielle Forderung nach weltweiten Wissenschaftsbeziehungen und nach fachlicher Autonomie. Zwei Ereigniszeiträume, in denen Repressionen besonders spürbar wurden, ragen heraus: die massive Disziplinierung der wissenschaftlichen Intelligenz im Zusammenhang mit dem Versuch Robert Havemanns, die marxistisch-leninistische Philosophie von den Naturwissenschaften fern zu halten, sowie die Eliminierung von Leitungspositionen bürgerlicher Wissenschaftler in der Zeit der Akademiereform von 1968 bis 1972. Wir wissen zwar, dass die Zahl der Konflikte, Strafverfahren, Rufmorde, Karrierebrüche, Revisionismusvorwürfe und Fluchten groß war. Deutlich weniger wissen wir jedoch von den Verhaltensweisen im damaligen Wissenschaftsbetrieb, sofern es sich auf das Widerstehen bürgerlicher Wissenschaftler bezieht. Diesem Desiderat widmet sich der Vortrag in besonderer Weise.