Was unterscheidet einen Skandal von einem Missstand

Prof. Dr. Hans Mathias Kepplinger (Institut für Publizistik, Universität Mainz)

09. Dezember 2009
17:15 Uhr
Hörsaal C

Skandale sind die Lieblinge der Medien und ihrer Konsumenten. Ob die vorgesehene Versenkung der Brent Spar in der Nordsee, der Kokainkonsum des Fußballtrainers Christoph Daum, Gesundheitsgefahren durch BSE-Fleisch, rechtswidrige Parteispenden, Michel Friedmanns Ausflug ins Rotlicht-Milieu oder andere Skandale - stets wird von der Medienberichterstattung große öffentliche Empörung angefacht, der "Volkszorn" kann sich entladen, "Schuldige" werden öffentlich am Pranger abgestraft - und das alles unabhängig davon, ob die Beschuldigungen stimmen und ohne dass sich die bisweilen zu Unrecht Beschuldigten - effektiv wehren könnten.

Skandale sind also nicht einfach große Missstände. Deshalb kann man weder von der Entwicklung der Häufigkeit und Größe von Skandalen auf die Entwicklung der Häufigkeit und Größe von Missständen schließen - noch umkehrt. Was unterscheidet Skandale von Missständen? Unter welchen Voraussetzungen werden Missstände zu Skandalen und warum empfinden sich die Skandalisierten auch dann als Opfer, wenn sie die gegen sie erhobenen Anschuldigungen zugeben? Schließlich soll die Frage untersucht werden, ob die Skandalisierung möglichst aller Missstände ein Beitrag zur Vermeidung von Missständen ist.