Probleme
Das Problem der oralen Antikoagulationstherapie liegt in der Einhaltung des INR-Zielbereichs.
Trotz strengster Compliance und therapiebewusster Lebensweise liegen in der Praxis die INR-Werte nur zu ca. 60 % im therapeutischen Zielbereich.
Ist der INR-Wert höher als der therapeutische Zielbereich so steigt das Blutungsrisiko - ist er niedriger steigt das Thromboserisiko und die Therapie wird zunehmend uneffektiv. Daher ist die Therapie eine Risikoabwägung.
Hohe Raten hämorrhagischer (bis zu 8 pro 100 Patientenjahre) bzw. thromboembolischer Komplikationen (3 pro 100 Patientenjahre) sind die Folge.
So sind orale Antikoagulanzien eine der Hauptursachen von tödlichen hämorrhagischen Nebenwirkungen bei steigender Inzidenz.
Ursache der Gefahr schwerer Blutungen bei Überdosierung ist die geringe therapeutische Breite der Vitamin-K-Antagonisten. Das ist der Abstand zwischen der therapeutischen Dosis und einer Dosis, die zu einer toxischen Wirkung führt.
Der Hintergrund dieser Zusammenhänge besteht darin, dass Phenprocoumon hochgradig an Plasmaproteine gebunden wird, sodass ca. lediglich 1 % in freier, pharmakologisch aktiver Form vorliegt. Dies hat zur Folge, dass eine medikamentöse Verdrängung aus der Proteinbindung durch Nebenmedikamente z. B. um nur 1 % bereits zur Verdopplung des wirksamen Anteils des Phenprocoumons führt.
Da Phenprocoumon durch das hepatische Cytochrom P450-System verstoffwechselt wird, führen Schwankungen dessen metabolischer Induktion ebenfalls zu veränderter Antikoagulations-Wirkung.
Medikamentöse Interaktionen sind daher so vielfältig, dass bei jeder Änderung der Nebenmedikation auf Interferenzen zu prüfen ist. Vorsichtshalber ist der INR-Wert nach jeder Änderung der Nebenmedikation engmaschiger zu kontrollieren um erforderliche Dosisanpassungen vorzunehmen.
Zusätzlich bestehen vielfache Interaktionen der Vitamin-K-Antagonisten mit anderen Medikamenten und Nahrungsmitteln die zu inkonstanter Antikoagulationstherapie führen.
Ein weiteres Problem der Therapie mit Vitamin-K-Antagonisten ist die interindividuelle Variabilität der Reaktion der Patienten.
Neben diesen grundsätzlichen Problemen kann der INR-Wert von verschiedensten Begleitumständen des täglichen Patientenlebens beeinflusst werden. Wie z. B. durch einen Ortswechsel hin zu starkem Sonnenschein bei Urlaubsantritt im Süden, Änderungen der physischen oder psychischen Belastung, Krankheiten sowie Änderungen des Allgemeinzustandes oder des Stoffwechselrhythmus.